Katalogtext GenWald


Der Ausstellungstitel ist Programm, leben wir Menschen doch mit der Idee, in der Natur noch zu uns selbst zu finden. Mit etwas Glück wird das noch einige Zeit so bleiben, zumindest solange unsere Sehnsucht die Natur nicht erstickt. Womöglich kann man die Natur in hrer ambivalenten Bindung an den Menschen schon jetzt als ein Kunstprodukt betrachten. Dann wäre jeder Versuch, zu wirklicher Natur, zu unseren Wurzeln oder iin den Wald vorzudringen allenfalls ein Spiel von Assoziationen. Thomas Henniges verfährt danach. Er sucht in der Kunst nicht nach der Idee und nach der Form, er lässt sie geschehen. Im Dickicht der Möglichkeiten kommen ihm die Dinge in die Hände und in den Sinn, er muss sie nur annehmen, zusammen mit den daran hängenden Fragen. Was aber wäre an einer simplen Astgabel, einer grünen Plastikeinkaufstüte, einem Schokoladenhasen, geschreddertem Schreibpapier oder Birkenrinde schon fraglich, oder wodurch geraten die Dinge über ihren herkömmlichen Wortsinn hinaus? Schwierig zu sagen, künstlerische Untersuchungen müssen plausibel machen, ob es einen Weg gibt, der die x-beliebigen Dinge zu etwas anderem werden lässt, als die unzähligen Äste auf dem Waldboden und die vielen Tüten und Hasen, die es sonst noch gibt. Aneignung bindet, auch wenn sie so unbekümmert offen erscheint, und es ist prinzipiell egal, aus welchem Dickicht die Dinge stammen, aus dem des Waldes oder dem des Alltags in der Stadt. Die künstlerische Konfrontation des Zufälligen ist eine Strategie, sie kommt aus der Neigung, im Verborgenen zu stochern, zu ergründen und zu deuten. Dies, so versichert uns Thomas Henniges glaubhaft, stamme aus seiner besonderen Leidenschaft für den Wald und seine Geheimnisse, die noch aus seiner Kindheit rührt. „Was tun Wälder? Sie gehen niemals früh zu Bett. Sie warten bis der Holzfäller kommt.“ (1) Auch Max Ernst (2) hat das große Waldgeheimnis autobiografisch verfolgt. Gern hat er seinen Blick ins Halbdunkel dichter Stämme vertieft, während die sinkende Sonne sich in den Biegungen der Luftschichten an der Erdoberfläche rot-orange vergrößert. Seine Bäume konnten aus allen möglichen Formen gemacht sein. Denn Kunst ist nicht Natur, sie ist eine Sprache. „Wozu dienen Wälder? Um Kinder mit Streichhölzern zu versorgen, als Spielzeug“ (3) Zufall kann in Absicht, Zuneigung in Duldung, Idylle ins Drama umschlagen und Wörter oder Bildtitel können auf ihr Gegenteil hinaus laufen. Die Zusammensetzung der Bestandteile der Bilder, Skulpturen und Interventionen von Thomas Henniges ist unverkennbar widersprüchlich und dissonant. Baumpilze mit Christbaumlichtern kombiniert ergeben „Heimleuchten“, „Blattwechsel“ steht für papierne Blattimitationen, „Silent green“ verspricht „Rückblick sehenswert“ in Nudelbuchstaben, der „Weltenbaum“ ist ein dürres Stangenskelett mit Spielzeugbesatz, mysteriöse Rindenkerbungen verbleiben unsichtbar im Unterholz und die drei Titel, „Tasmanien“, „Sibirien“ und „Arkadien“, bezeichnen gemeinsam dasselbe Bild. Solche Verbindungen verwirren den landläufigen Zusammenhang von Gegenständen und ihren Bezeichnungen, sie brechen mit Gewohnheiten und verlaufen sich in Träumerei. Um die nötige intellektuelle Distanz zwischen sich selbst und den Dingen seiner Bearbeitung zu erlangen, erforscht Thomas Henniges was er aufgreift, bebildert und kombiniert. Immer leitet seine Spurenaufnahme zu intensiven Studien für die den Augen verborgenen Seiten der Dinge über, ihre Physis, ihre Struktur, ihre Symbolik, ihre Geschichte, was den Zufall der Kontrolle und Selbstbeschränkung unterstellt und zugleich das Feld für assoziative Wirkungen in seiner Arbeit verbreitert. Denn auch wenn wir dasselbe Wort für Wald verwenden, setzt es sich bei jedem Menschen aus ganz anderen empirischen Bildern und Empfindungen zusammen. „Wird man den Wald seines guten Betragens wegen loben? Ich jedenfalls nicht.“ (4) Die Ganzheitlichkeit, mit der intensive Naturerlebnisse in all unsere Sinne gleichzeitig eindringen, hat Thomas Henniges dazu ermuntert, rein ästhetische Leitbilder hinter sich zurück zu lassen. Ohne Ambition, den aktuellen Verführungen einer verbreiteten Neo- oder Re-Akademisierung im Umfeld seiner Generation zu folgen, initiiert seine Arbeitsweise ein fragiles Spiel von Entropie. Das kann in öffentlichen Räumen einer Galerie stattfinden und genauso irgendwo abgelegen und unerkannt, im persönlichen Erlebnisraum der Natur. Diese bewusste Überlegung weitet seine künstlerischen Untersuchungen auf die ganze Spanne zwischen Realität und Fiktion aus. Für den Betrachter öffnet das zugleich den Raum seiner eigenen subjektiven Fantasie und es verlängert die Wahrnehmung, so dass sich Kohärenz über die Grenzen gewohnter Bezüge hinaus einstellen kann. Wie auch immer eine Begegnung seiner Werke im Einzelnen ausgeht, entscheidend sind nicht die Bilder und Objekte für sich genommen, sondern die Wege für Reflexionen, die Thomas Henniges damit in Gang setzt. Mit wenigem Material unbekümmert und frei und in allen Medien und Räumen zwischen Wald und PC-Dateien wuchern sie als Ruderalkulturen an der gesellschaftlichen Schnittstelle zwischen dem Individuum und der Welt.
Uwe Jens Gellner  
 (1, 2, 3, 4) Aus: Max Ernst, Biographische Notizen (Wahrheitsgewebe und Lügengewebe), in: Max Ernst, Ausstellungskatalog Köln/Zürich 1962/63